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Göttliche Medizin und die himmlischen Heiler
Das Nikolaus Kopernikus Museum in Frombork (Frauenburg) und das Museum des Erzbistums Warmia in Olsztyn (Allenstein) laden ein zur Ausstellung Göttliche Medizin und die himmlischen Helfer, die am 16. Juli 2011 im Bischöflichen Palast in Frombork eröffnet wurde Die Ausstellung unternimmt einen Versuch, Anhand der Ikonographie der heilenden Heiligen, die so wichtige für den Menschen Erfahrung der Krankheit in Verbindung mit der Erscheinung des Wunders, als ein Phänomen, zu erläutern.
Ecce Homo, Passionsteile eines Polyptichons aus der Kathedrale in Frombork, 16.Jh.
Göttliche Medizin und die himmlischen Heiler
Bereits im prähistorischen Zeitalter wurde die Krankheit als ein geheimnisvoller und gefährlicher, durch die Einmischung der bösen Geister oder die Einwirkung der durch die menschlichen Sünden und Untaten beunruhigten Götter eintretender Zustand begriffen. Eine ähnliche Auffassung der Krankheit finden wir u.a. im antiken Indien, Ägypten, Griechenland und Rom, wo man die Krankheit als Folge der Verletzung von kosmischer Ordnung oder/und moralischer Ausschreitung gegen die Götter erfasste. Krankheiten wurden als Bestraffung des Einzelnen oder der ganzen Menschengenerationen für ihre Sünden verstanden. Aus dieser Tradition, nur auf der Grundlage des Alten und Neuen Testaments, schöpfte ihre Ansichten zum Thema der Krankheit das Christentum. Gott hat den Menschen zum Glück berufen und die Krankheit als solche wiederspricht Seiner Absicht. Sie entstand jedoch als Folge der Sünde des ersten Menschen, der die Schönheit und Güte von sich weggeschoben hat. Das Alte Testament empfiehl zwar den Gebrauch von einfachen Heilmittel und Befolgung der medizinischen Ratschläge, befiehl jedoch vor allem die Rückkehr zu Gott - den größten aller Ärzte und Heiler. Die auf den Menschen herabgelassene Krankheit sollte ihn auf den Weg der Wahrheit, Güte und Barmherzigkeit wieder bringen, ihn auf die Sünde sensibilisieren und vor dem Bösen warnen. Das Neue Testament konzentrierte sich auf die Frage der Krankheit hauptsächlich dank der Taten Christi, der Menschen zum Leben wiederrief, Kranke und Gekrüppelte heilte (zu solchen gehörten vor allem die Paralytiker, die Blinden, die Tauben, Taubstumme, Epileptiker, Leprakranke, Wassersuchtkranke und Hysteriker). Durch seinen Tod hat Jesus das von den Menschen gebrochene Bündnis mit Gott wiederhergestellt. Ein für diesen Bruch stehendes Zeichen war eben die Krankheit. Die Väter der Kirche haben Jesus oft als MAGNUS MEDICUS, OMNIPOTENS MEDICUS, MEDICUS ET SALVATOR NOSTER bezeichnet. Nach dem Leidenstod Christi haben weitere Märtyrer und Heilige, die wahre heilende Kräfte besaßen, Seine missionarische und heilende Aktivität übernommen und weitergeführt. Es gab Heilige, die als Ärzte gegen alle Krankheiten erfolgreich ankämpften, wie z. B. die heiligen Kosmas und Damian, der heilige Lukas, oder der Erzengel Raphael. Trotz dieses Phänomens haben die Gläubigen auf bestimmte Krankheiten "spezialisierte" Heilige bevorzugt. Die detaillierte Spezialisierung im Bereich des Heilens war ein Spiegelbild der Leiden, welche der/die heilige Märtyrer/- in während der Folter selbst erlitten hat. Oder sie knüpfte manchmal an die Krankheiten, die der/die Heilige zu seiner/ihrer Lebenszeit heilte; oder auch war sie ein Bild der Krankheiten, welche der/die Heilige selber erlitt. Ab und zu folgte sie aus der wortbildnerischen Analogie der Benennung einer Krankheit und des Namens des/der Heiligen (z. B. die heilige Lucia - Helferin der Blinden (Lux - Licht), der heilige Aurelius - Heiler der Ohrenkranken (aureil - oreille - Ohr). Die zahlreichste Gruppe der himmlischen Heiler wird durch solche Heiligen repräsentiert, deren Schutz gegen Krankheit auf der Ähnlichkeit zwischen dem physischen, von ihnen selbst erlittenen Leiden und der Krankheit, die sie heilen konnten, ruhte. Solche Heiligen repräsentieren den mythischen Typus des sogen. "Verwundeten Heilers", d.h. eines Heilers, der trotz heilender Fähigkeiten selber den Schmerz ertragen und erleiden muss oder der mit einer symbolischen Wunde gebrandmarkt ist. Der allgemein verbreitete Glaube an die Macht der heilenden Heiligen führte in spätem Mittelalter zur Entstehung von "Apotheken der Heiligen": einer Auflistung der schützenden Patronen gegen Krankheiten, aus der man erfahren konnte welche/r Heilige welcher Krankheit und welchem Körperorgan zugeordnet ist. Die Popularität der himmlischen Heiler fruchtete in zahlreichen Kultformen, zu denen Wallfahrten zu Orten der von den Heiler gebrachten Wunder zählen; weiter auch die Tradition der Votivgaben an die Heiligen und Entstehung der heilenden Amulette und Gebete, sowie der Glaube an die heilende Kraft der Reliquien und letztendlich die Popularität der Heiligen als Kunstsujet (hauptsächlich in der Malerei und Bildhauerei). Die Ausstellung in Frombork führt den Besucher auf eine subtile Art durch die nacheinender folgende Gebiete der Problematik: - von der religiösen Erklärung und der soziologischen Interpretation der Krankheit als solcher, durch die theologische Auffassung und christliche Philosophie der Krankheit, zu dem Begriff "der Wunderheilung", der in der mittelalterlichen Literatur beschrieben wird (u. a. durch den hl. Augustinus und hl. Vinzenz Ferrerius) und zu dem Phänomen der Gedenkgesten, bis letztlich zu darauffolgenden vielen "thematisch geordneten Gruppen der Heiligen", die, je nach Patronat, unterteilt wurden: die kleineren heilenden Heiligen [Beschützer vor Zahnerkrankungen (hl. Apollonia), Augenkrankheiten (hl. Othylia), Steinleiden (hl. Stephan), Beschützer vor Rheuma/ Fieber/brennenden Schmerzen (hl. Laurentius), vor Kinderkrankheiten/Fluch/Tierkrankheiten (hl. Antonius von Padua)], Beschützer vor der Pest (hl. Sebastian, hl. Rochus, hl. Rosalia), Patronen der Epilepsiekranken (hl. Valentin, hl. Johannes der Täufer, Heilige Drei Könige), Patronen der Leprakranken (Hiob, Lazarus), bis zu einer Ortsheiligen Regina Protmann aus Braniewo, die ihren Schutz gegen verschiedene Erkrankungen verbreitet. Die Ausstellung bringt zum Vorschein die ungewöhnliche Popularität, welche die heilenden Heiligen unter den Gläubigen genossen haben. Dies fand seine Wiederspiegelung in einem Reichtum an Kultformen und in einer, diesen Zustand wiederspiegelnden, ebenso großen Vielfalt der ikonographischen Auffassungen. In Frombork wurde eine große Zahl (über achtzig) unterschiedlicher Objekte präsentiert (Bilder, Skulpturen, Votive, Photogramme der Glasfenster und Wandmalereien, Prozessionsleuchter, Reliquiare) die aus der Warmia und Masuren Gegend stammen. Die Mehrheit dieser Werke gehört nicht zu den besonders bekannten und popularisierten, ja oft wird sie zum ersten Mal in ihrer besonderen Schönheit entdeckt: die Werke verbreiten jetzt ihren faszinierenden Charme und lüften so das durch Jahrhunderte in Sanktuarien, Kirchen, Kapellen und Pfarreien verstecktes Geheimnis. Die Mehrzahl dieser Objekte stammt aus dem 19. Jahrhundert, es gibt aber auch viele, die Kunst der früheren Epochen repräsentieren. Zu den ältesten unter den gezeigten Exponaten gehören die aus dem 16. Jahrhundert stammenden Teile des Altars aus der St. Laurentius Kirche in Mingajny (sie zeigen Szenen aus dem Leben des hl. Laurentius). Ebenso alt sind die auf den Photogrammen gezeigten Passionsteile eines Polyptichons aus der Kathedrale in Frombork. Im Alltag sind sie unzugänglich für den Besucher, enthalten dabei eine phänomenale Darstellung von Krankheiten, die auf symbolische Art die Folterer Christi brandmarken. Der jüngste unter den ausgestellten Objekten ist wohl der Reliquienschrein der gebenedeiten Regina Protmann. Er stammt aus der St. Katarina Kirche in Braniewo und wurde 1999 von Andrzej Adamski geschaffen. Durch einen malerischen Schwung und kompositorische Phantasie zeichnen sich die hauptsächlich neuzeitlichen malerischen Werke aus den Kirchen in Jeziorany (Hl. Apollonia, 19. Jh.; Hl. Rochus - Beschützer der Epidemiekranken, 19. Jh.), Henryków (Das Wunder des hl. Antonius, Bild von Piotr Kolberg, um 1712; Hl. Valentin, der die Gnade der Heilung erteilt, Mitte des 19. Jh.; Der Schutzengel, 18. Jh.), Braniewo (Hl. Rochus mit einem Engel und Hund und die Epidemieopfer, Bild, 19. Jh., aus der Heilige-Dreifaltigkeit-Kirche); Bisztynek (Hl. Valentin und die Epilepsiekranken Kinder, die dem Heiligen zwecks Heilung geopfert wurden, ein Bild von Jan Langhankie, gemalt 1776, aus der hl. Matthias Kirche; Hl. Rochus und die Pestopfer, 19. Jh., aus der St. Michael Kirche), Rogiedle (Hl. Rosalie und die Seuchekranken, 18. Jh.) und Orneta (Hl. Rosalie, 17. Jh., aus dem Katarinenkloster) aus. Einen besonderen Reiz besitzen auch die Volksdarstellungen des hl. Rochus und des hl. Valentin: sie sind sehr knapp in der Mitteilung durch eine ausgesprochen markante, obgleich etwas steife Gestik (Objekte stammen aus der Sammlung des Warmia und Mazury Museums in Olsztyn). Ein raffiniertes Beispiel der Bildhauerei stellt eine speziell für einen Kultusort geschaffene Skulptur des hl. Rochus aus der Kapelle in Lubomin (17. Jh.) dar. Die Ausstellung zeigt auch silberne Gedenkobjekte aus der St. Matthias Kirche in Bisztynek. Sie stellen Körperorgane dar und sind Produkt der heilenden Blut-Christi Verehrung. Bemerkenswert ist ebenfalls das Gedenkbild Hl. Katarina, die Mutter Gottes und der hl. Antonius von Padua (erste Hälfte des 17. Jh.) aus der St. Matthias Kirche in Ró¿ynka. Unruhe und mystischen Zauber verbreiten die den Turpismus ausstrahlenden Werke, welche Patronen gegen Lepra, also den Hiob (16. Jh., Skulptur aus der Sammlung des Warmia und Mazury Museum in Olsztyn) und Lazarus abbilden (17. Jh., Skulptur ursprünglich für das Heiliger-Geist-Hospital geschaffen, gegenwärtig im Wojciech Kêtrzyñski Museum in Kêtrzyn).
Hl. Katarina, die Mutter Gottes und der hl. Antonius von Padua (erste Hälfte des 17. Jh.) aus der St. Matthias Kirche in Ró¿ynka Die Erfahrung der Krankheit wurde in der Ausstellung nicht nur durch ikonographische Aspekte der himmlischen Heiler dokumentiert, sondern auch durch Erklärungen der am häufigsten auftretenden Erkrankungen (Pest, Epilepsie, Lepra), welche die Menschheit in früheren Epochen gepeinigt haben, kommentiert. Dies ist wichtig, den das Wissen von heute über die oben genannten Erkrankungen scheint dem damaligen Empfinden und dem Verständnis (der Medizin und des Volkes) völlig zu widersprechen, was wiederum die dringende Not des himmlischen Patronats und die Suche nach solchem Schutz erklärt. In den vergangenen Jahrhunderten stellte die Krankheit eine besonders schwierige, Angst erregende und sich dem Verstand entziehende Erfahrung dar. Der Glaube an die Heiligen und deren heilende Kräfte hat wirksam die Ängste, Hysteriezustände und nervöse Erkrankungen - die häufigsten Folgen anderer unerklärter Leiden - gemildert. Dank den Beschützern vor Krankheiten konnten die Menschen ihren Mut fassen, um für sich und eigenes Leben zu kämpfen. Sie kämpften gegen die Erkrankungen an, die als Urteil vom erzürnten Gott auf sie vom Himmel fielen - plötzlich und ohne Verwarnung. Die Ausstellung ist eines Besuches wert, wenn man erfahren will, ob die Krankheit für uns heute immer noch die gleiche Erfahrung darstellt, wie für unsere Ahnen. Auch, wenn man prüfen will, ob das Treffen mit einem heiligen Heiler uns auf wundersame Art und Weise ändern kann. Die Ausstellung dauert von Mitte Juli bis Ende Juni 2012.
Textbuchautor der Ausstellung, wissenschaftliche Konsultation: dr Jowita Jagla Kuratoren der Ausstellung: Henryk Szkop - Direktor des Nikolaus Kopernikus Museum in Frombork, Pater Dr. Jacek Maciej Wojtkowski - Direktor des Warmia-Erzbistum Museums in Olsztyn. Plastisches Projekt der Ausstellung: Piotr Milewski |
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